Rally ohne Entwarnung: Fidelity sieht Bitcoin-Boden nicht bestätigt
Bitcoin ist zeitweise über die Marke von 81.000 US-Dollar gesprungen und markiert damit den kräftigsten Kursschub seit November 2024. Ethereum und Solana zogen mit, ebenso weitere Altcoins. Ausgerechnet der US-Vermögensverwalter Fidelity dämpft die Euphorie jedoch: Ein Ende der monatelangen Baisse sei damit noch längst nicht garantiert, schreibt Fidelity Digital Assets in seinem aktuellen Quartalsausblick für das vierte Jahresviertel.
Bitcoin über 81.000 Dollar – Fidelity bremst die Euphorie
Bitcoin über 81.000 Dollar – Fidelity bremst die Euphorie
Nach Monaten der Flaute ist am Kryptomarkt wieder Schwung eingekehrt. Bitcoin sprang zeitweise über 81.000 US-Dollar, notierte zuletzt aber wieder bei rund 79.140 US-Dollar und lag damit binnen 24 Stunden 2,32 Prozent im Minus. Ethereum kostete zu diesem Zeitpunkt etwa 2.442 US-Dollar, ein Tagesverlust von 2,07 Prozent, während Solana bei 100,91 US-Dollar notierte und binnen 24 Stunden rund 4,15 Prozent zulegte.
Chris Kuiper, Vice President of Research bei Fidelity Digital Assets, ordnet den Kurssprung im Quartalsausblick ein, ohne daraus eine gesicherte Bodenbildung abzuleiten. Genau diese Zurückhaltung ist bemerkenswert, weil sie von einem der größten institutionellen Anbieter im Krypto-Segment kommt und damit ein Gegengewicht zur kurzfristigen Marktstimmung bildet. Wer nach der jüngsten Rally auf schnelle Bestätigung hofft, findet bei Fidelity keine.
Vier-Jahres-Zyklus und Volatilität: Warum das Signal unklar bleibt
Fidelity blickt bei der Einordnung vor allem auf den sogenannten Vier-Jahres-Zyklus: Historisch bildete Bitcoin seine Baisse-Tiefpunkte im Abstand von rund vier Jahren, zuletzt im November 2022. Rein rechnerisch könnte der nächste Tiefpunkt demnach im November 2026 liegen, Ethereum und der übrige Altcoin-Markt folgten dieser Logik in der Vergangenheit meist. Kuiper verweist zugleich darauf, dass sich dieser Zyklus keineswegs wiederholen müsse: Der Tiefpunkt könnte bereits im Juli erreicht worden sein, ein erneuter Rücksetzer im November oder später ist ebenso denkbar.
Die Zyklen seien historisch nie exakt vier Jahre lang gewesen und damit für ein Markttiming ungeeignet, so die Einschätzung. Ein weiterer Baustein der Analyse ist das Volatilitätsmuster früherer Bärenmärkte: Bislang endeten sie stets mit einer Phase niedriger Schwankungen, gefolgt von einem Ausbruch nach oben. Von Juni bis Mitte August befand sich der Kryptomarkt genau in einer solchen ruhigen Phase, in der viele Verkäufer bereits ausgestiegen waren.
Ende August kippte die Stimmung: Bitcoin legte allein in der dritten Augustwoche mehr als 25 Prozent zu, Ethereum gewann in derselben Zeit gut 34 Prozent, Solana etwa 28 Prozent. Diese Dynamik lässt sich auch im Zusammenhang mit den jüngsten Kapitalzuflüssen in Bitcoin- und Ether-Produkte lesen, auch wenn Fidelity selbst keine konkreten Zuflusszahlen nennt.

Regulierung und Nutzung liefern Hoffnung, aber keine Kaufgarantie
Auf der positiven Seite verweist Fidelity auf Regulierung und wachsende Nutzung digitaler Vermögenswerte. Der CLARITY Act, der die Zuständigkeiten US-amerikanischer Aufsichtsbehörden für Kryptowerte klären soll, hat den US-Kongress passiert und liegt nun im Senat. Parallel hat die US-Börsenaufsicht SEC vergangene Woche mit der sogenannten Regulation Crypto Assets einen Entwurf vorgelegt, der frühen Krypto-Emissionen unter bestimmten Bedingungen Ausnahmen von der Registrierungspflicht einräumen könnte.
Auch die Nutzung wächst: Das Handelsvolumen von Stablecoins liegt inzwischen beim 2,3-Fachen des Volumens von Visa, wie der Vermögensverwalter Bitwise Investments ermittelt hat. Der Krypto-Wallet-Anbieter MetaMask berichtet zudem, der Markt für tokenisierte reale Vermögenswerte sei 2026 so stark gewachsen wie nie zuvor. Selbst ein Sicherheitsvorfall bei einem Hardware-Wallet-Anbieter und der ins Stocken geratene CLARITY Act hätten die Kurse zuletzt nicht belastet, ein Hinweis darauf, dass der Markt nahe seinem Tiefpunkt nach neuen positiven Impulsen sucht.

Was der Kurssprung für Bitcoin und Altcoins bedeutet
Für Einsteiger ergibt sich daraus ein zweischneidiges Bild. Wer an den Vier-Jahres-Zyklus glaubt und auf einen langfristigen Anlagehorizont setzt, findet in der wachsenden Nutzung und der Widerstandsfähigkeit gegenüber schlechten Nachrichten durchaus Argumente für einen Einstieg. Wer dagegen auf Fidelitys Warnung hört, wonach sich der Zyklus keineswegs wiederholen muss und ein Markttiming ohnehin kaum gelingt, wird eher zur Zurückhaltung neigen.
Beide Lesarten stützen sich auf dieselben Daten, kommen aber zu unterschiedlichen Schlüssen. Das zeigt, wie offen die Lage zum Start ins vierte Quartal tatsächlich ist – eine Einordnung, die sich auch mit Blick auf die zuletzt gestiegene Korrelation zwischen Bitcoin und Gold als makroökonomisches Signal lesen lässt.
November 2026 oder früher: Welche Signale als Nächstes zählen
Entscheidend wird sein, ob der historische Zyklus tatsächlich einen Tiefpunkt im November 2026 nahelegt oder ob dieser bereits im Juli erreicht wurde. Ein erneuter Rücksetzer im November oder später bleibt laut Fidelity ebenso möglich wie eine fortgesetzte Stabilisierung. Ob die niedrige Volatilitätsphase und der anschließende Ausbruch tatsächlich eine nachhaltige Bodenbildung bestätigen, lässt sich aus einem einzelnen Kurssprung nicht ableiten.
Regulatorische Fortschritte beim CLARITY Act und wachsende Nutzung über Stablecoins und tokenisierte Realwerte bleiben positive Faktoren, ersetzen aber keine Bestätigung der Marktlage. Kryptowährungen zählen zu den volatilsten und am wenigsten regulierten Anlageklassen überhaupt und sind, wie auch Fidelity betont, ausschließlich für Anlegerinnen und Anleger mit hoher Risikobereitschaft geeignet. Sie sind nicht durch staatliche Einlagensicherungen geschützt, können jederzeit illiquide werden und unterliegen keiner der bei klassischen Wertpapieren üblichen Regulierung – wer investiert, sollte deshalb nur Kapital einsetzen, dessen Verlust er verkraften kann.